Wie Karola Bloch mit ihren Briefen sich in die Arbeit von Siegfried Unseld einmischte

Mössingen-Talheim, 01.07.2020 (lifePR) – „Etwas, das in die Phantasie greift.“ So lautet ein Schlüsselsatz von Karola Bloch. In ihm wirkt die politische Aufbruchstimmung der sechziger und siebziger Jahre der bundesrepublikanischen Gesellschaft bis heute nach. Der Wunsch nach Veränderung fordert die „Anstrengung des Begriffs“, die Auseinandersetzung mit Philosophie und Politik, die Beschäftigung mit Theorie und Praxis. Die erhoffte Umwälzung der Verhältnisse, die Emanzipation des Individuums, neue Lebensformen – all dies verlangt tätige Phantasie, konkrete Utopie. Die Briefwechsel zwischen bedeutenden Personen jener Zeit können einen Zugang in das Denken, in Konflikte und Stimmungen jener Tage eröffnen. Die Briefe Karola Blochs an Siegfried Unseld in den sechziger und siebziger Jahren sind Spuren angestoßener und vollendeter Arbeit, von unabgegoltener praktischer Hoffnung und der Sehnsucht nach einem sich befreienden Subjekt. Der Band offenbart die Rolle Karola Blochs und ihre große Bedeutung für die Werkedition Ernst Blochs in der gemeinsamen Tübinger Zeit. Das Buch korrigiert öffentliche Fehleinschätzungen ihrer Leistungen.
Mit dieser Edition von Briefen Karola Blochs an den Verleger Siegfried Unseld und den Philosophen Jürgen Teller, einem Schüler ihres Mannes Ernst Bloch, lassen sich die besonderen Lebensleistungen der Architektin, Polin, Jüdin, Sozialistin und fleißige Briefeschreiberin Karola Bloch würdigen. Es sind Briefe aus ihrer Tübinger Zeit, nachdem Ernst und Karola Bloch aus politischer Überzeugung die DDR 1961 verlassen hatten. Die Briefe an Siegfried Unseld 1960–1990 spiegeln die damaligen politischen Kontroversen und insbesondere die Geschichte der Entstehung des Blochschen Gesamtwerkes. Die Briefe an den von der StaSi verfolgten Jürgen Teller schreibt Karola Bloch 1982–1989, im letzten Jahrzehnt der DDR, bevor die dort anwachsende Bürgerbewegung die Mauer von innen einstürzen lässt.
Der vorliegende Band lädt zum Lesen persönlicher Briefe ein, die in einer besonderen Situation zwischen außergewöhnlichen Menschen in freundschaftlicher Weise ausgetauscht wurden. Die Briefe lassen Politisches und Privates, Hoffnungsvolles und Ernüchterndes öffentlich werden. Sie ermöglichen Einblicke in die Beziehungen zwischen Akteuren, die den privaten Raum durchbrochen und sich in Gesellschaftliches eingemischt haben. Die Schreibenden lassen uns posthum teilhaben an den Debatten und Kontroversen, an gemeinsamen Zielen und Erfolgen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Es sind Briefe, die ermutigen und berühren.
Den ersten Teil des Bandes bildet die umfangreiche Auswahl an Briefen Karola Blochs an den damaligen Leiter des Suhrkamp Verlages, Siegfried Unseld, und sein Entscheidungsteam. Im Zentrum dieser schriftlichen Dokumente stehen die Editionsarbeiten des Gesamtwerkes von Ernst Bloch, um die sich Karola Bloch mit hoher Professionalität kümmerte. Diese Briefe beginnen 1960 und enden im Jahre 1990. Die Briefe wurden umfangreich kommentiert, um heutigen Leserinnen und Lesern, Personen und Geschehnisse in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts verständlicher zu machen.
Der zweite Teil enthält Briefe Karola Blochs an die von der DDR-Staatsicherheit verfolgten Jürgen und Johanna Teller in Leipzig. Die Blochs mussten ihre guten Freunde in Leipzig zurücklassen, als sie sich 1961 entschieden, im Westen zu bleiben. Die Briefe ergänzen die frühere sehr umfangreiche Edition „Briefe durch die Mauer“, die im Jahre 2009 veröffentlicht wurde. Viele Jahre nach dem Tod Jürgen Tellers fand sein Sohn die gut vor der StaSi versteckten Korrespondenzen. Dieser Teil der Brief beginnt im Jahr 1982 und endet im Jahr 1989.
Buchangaben: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): „Etwas, das in die Phantasie greift“. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller. Talheimer Verlag, Mössingen 2015, 392 Seiten, 44,00 €, ISBN 978-3-89376-156-2.
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